Hochsensible Kinder


Bei vielen Kindern, die meine Praxis aufsuchen, beobachte ich nicht Defizite in ihrer Wahrnehmung, sondern genau das Gegenteil ist der Fall. Die Kinder nehmen zu viel wahr und zeigen dadurch Verhaltensmuster, die von vielen Erwachsenen nicht richtig gedeutet werden.

In diesem Bericht möchte ich ein wenig über diese Kinder aufklären und sie für die Erwachsenenwelt verständlicher machen.

Eltern von Kindern, die sehr feinfühlig oder hochsensibel sind, spüren dies von Anfang an.

Das Baby weint früher als andere, weil es schnell überreizt ist. Es kann in einer großen Gruppe von Menschen nicht so schnell abschalten, nimmt zu viel wahr und zeigt seine Überforderung mit schreien.

Babys oder Kinder, die zu viel hören, zu viel fühlen, zu viel sehen und zu viel spüren sind in unserer heutigen Welt schnell überfordert.

Die meisten Kinder von heute zeigen keine Verhaltensmuster der Unterforderung, sondern der Überforderung.

Hier gilt der Vorsatz: „Weniger ist mehr!“.

Aufgabe der Eltern ist es, das Baby von Anfang an und später das Kind vor Reizen zu schützen.

Das Kinderzimmer der Kinder sollte klar strukturiert sein, zu viele Bilder an den Wänden und Unordnung stören das Kind im Spiel. Wenig offene Regale, dafür mehr Schubladen und geschlossene Schränke, die eine ruhigeres Bild vom Zimmer schaffen.

Gerade bei den Hausaufgaben ist dies wichtig, da ein vollgestellter Schreibtisch viel zu viel Ablenkungsmöglichkeiten bietet.

Diese Kinder müssen lernen, sich selbst zu schützen. In einer Welt voller Reize, kann ich mich nur schützen, indem ich mich zurückziehe und eine Auszeit nehme. Wichtig wäre es, dass die Kinder ein eigenes Zimmer haben, damit Rückzug jederzeit möglich ist.

Jede Auszeit bietet die Möglichkeit, wieder mich selbst zu spüren, zu mir zu kommen und zu überlegen, was meine Bedürfnisse sind und welchen Schritt ich als nächstes gehen möchte.

Der Besuch in der Kindertagesstätte oder später in der Schule ist für diese Kinder eine große Herausforderung. In den Kindergartengruppen sind viele Kinder und dadurch ist es laut. Wenn Sie die Möglichkeit haben, dann wählen Sie eine Einrichtung aus, in der sich Kinder in besonderen ruhigen Räumen zurückziehen können.

Schwieriger wird es in der Schule. Viele Kinder berichten mir, dass sie sehr unter der Lautstärke im Unterricht leiden.

Mittlerweile gibt es in vielen Grundschulklassen Kopfhörer, die sich die Kinder bei eigener Arbeit aufsetzen können. Eine tolle Idee, wie ich finde.

Ebenso kommen Kinder zu mir, die sich während dem Unterricht auf einmal unter das Schreibpult setzen, oder am liebsten den Tag im Schrank verbringen würden.

Diese Verhaltensmuster der Kinder drücken aus, dass sie überreizt sind. Sie suchen Schutz unter dem Pult oder im Schrank. Alles ist ihnen zu viel. Den meisten Kindern wird durch dieses Verhalten ein Desinteresse am Unterricht zugesprochen. Natürlich stört es den Unterricht, wenn ein Kind sich unter den Tisch setzt. Die Lehrkraft kann natürlich nicht auf die individuellen Bedürfnisse von jedem einzelnen Schüler eingehen. Ein Schüler muss zuhören und die Aufgabe, die ihm gestellt wird, selbstständig erledigen können.

Wichtig ist, welche Konsequenzen sich daraus ergeben. Das Kind muss lernen, rechtzeitig seine Überreizung auszudrücken, um die Maßnahme zu ergreifen, die mit der Lehrkraft im Vorfeld abgesprochen wurde. Das kann der kurze Aufenthalt in einem Nachbarraum z.B. mit offener Tür sein oder die Möglichkeit, für kurze Zeit Kopfhörer aufzusetzen.

Solche Kinder werden als sehr sozial wahrgenommen, weil sie die Feinfühligkeit besitzen, zu spüren, wie es ihrem Gegenüber geht. Sie haben die Fähigkeit, sensibel auf ihre Mitmenschen einzugehen. Diese Feinfühligkeit macht sie aber auch verletzlich und angreifbar.

Auch hier ist es wichtig, dass Eltern den Kindern erlauben, sich immer wieder zu schützen und zurückzuziehen. Diese Kinder brauchen die Hilfe ihrer Eltern, damit eigene Grenzen klar erkannt und benannt werden dürfen. Sonst besteht leider die Gefahr, dass man ihre Sensiblität ausnutzt.

Das Übermaß an Reizen, die Schnelligkeit, die vielen Medien und die vielen Angebote üben immer mehr Druck auf unsere Kinder aus. Nur wenige Kinder besuchen meine Praxis, die nicht von Druck sprechen. Druck, der von der Schule ausgeübt wird, Druck von Eltern, Mitschülern und natürlich auch der eigene Druck.

Ein Gegenlenken kann nur funktionieren, wenn wir den Kindern nach der Schulzeit Freiräume ermöglichen, die sie selbst gestalten dürfen.

Überlegen Sie sehr gewissenhaft, welche Freizeitaktivität Ihrem Kind Freude bereitet und bringen Sie Ihrem Kind Langeweile bei, damit es die Chance hat, sich selbst zu finden.