Das Geheimnis von Bindung

Was bedeutet das eigentlich, Bindung zu den Eltern aufbauen?

Eine wichtige Voraussetzung für eine gute Bindung ist Blickkontakt!

Die erste gefühlte Bindung geschieht oft direkt nach der Geburt. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl der Liebe, die Eltern durchflutet, wenn sie das erste Mal ihr Kind ansehen und das Baby zurückschaut. Dieses Band der Liebe ist fühlbar und sichtbar.

Leider erfüllt sich nicht immer der Wunsch nach einer sanften Entbindung. Notkaiserschnitt oder andere wichtige Maßnahmen stellen jedoch kein Hindernis dar, diesen wunderbaren Moment der ersten Bindung später zu genießen. Dieser kann auch zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Entscheidend sind dafür vor allem die ersten beiden Lebensjahre.

Der Säugling weiß noch nicht, dass er eine eigenständige Person ist.

Die ersten zwei Jahre sind für den Menschen von großer Bedeutung. Hier wird das sichere Band einer Bindung aufgebaut und dadurch der Grundstein gelegt für Selbstwertgefühl, Selbstvertrauen und Selbstliebe.

Erst im Alter von zwei Jahren, wenn das Kind zu sich selbst „Ich“ sagen kann, entwickelt es ein Selbstbewusstsein und erkennt sich als eigenständige Person, die unabhängig von den Eltern Wünsche, Bedürfnisse und einen Willen hat.

Bis dahin jedoch, regt sich das Baby und wir reagieren und blicken es an. Wir spiegeln mit unserem Blick und unseren Worten sein Gefühl, seinen Ist-Zustand. Dieses Spiegeln ist für das Baby überlebenswichtig, da es über unsere Reaktion erfährt, wie es sich fühlt, was gut und was schlecht ist und entsprechend Anerkennung, Bestätigung oder Tadel für sein Handeln bekommt.

Die ständige Suche nach Blickkontakt kann durchaus anstrengend für Eltern sein, da dies bedeutet, dass das Baby eigentlich nicht allein sein möchte.

Wie ich oben beschrieben habe, weiß es noch nicht, dass es eigenständig existiert, also fühlt es sich nur sicher in Verbindung mit der Bezugsperson. Verlassen wir den Raum, kann das Baby vielleicht noch kurze Zeit allein im Raum sein. Diese Zeit ist aber nicht lange, da es sich schnell unwohl fühlt, weil seine enge Bindungs- und Spiegelperson abwesend ist. Der Säugling wird unruhig und beginnt nach den Eltern zu rufen, damit sie wiederkommen.  Dies ist ein vollkommen normales Verhalten.

Arbeiten Sie hier an Ihrer Erwartungshaltung.

Wenn Sie verstehen, dass Ihr Kind bis zum zweiten Lebensjahr nicht ohne Sie sein kann, dann sollte Ihnen klar sein, dass Ihr Baby und Kleinkind Sie bei allen Schritten begleiten will. Richten Sie Ihren Alltag entsprechend ein und unternehmen Sie alles gemeinsam. Die Zeiten, in denen Sie entspannt allein auf der Toilette gesessen haben, sind ab jetzt vorbei.

Verlassen Sie den Raum nur kurz, teilen Sie dies von Anfang an Ihrem Baby mit!

Verstehen kommt vor Sprache und diese können wir nutzen, indem wir zu Beginn Körperzeichen mit der Sprache verknüpfen. Verlassen Sie für einen kurzen Moment das Zimmer, könnten Sie mit Ihren Händen parallel zur Sprache ein Wartezeichen symbolisieren. Die geöffneten Hände werden leicht nach unten bewegt und dazu sprechen Sie aus, dass Sie gleich wiederkommen.

Das kurze Verlassen des Raumes muss immer angekündigt werden. Spreche ich nicht mit meinem Kind, sieht man den ängstlichen, suchenden Blick in den Augen der Babys. Eine ehrliche Sprechweise beginnt von Anfang an und eine sichere Bindung ist an verlässliche Eltern geknüpft. Ihr Baby muss sich darauf verlassen können, dass Sie ihm alles mitteilen.

Blickkontakt ist ebenso überlebenswichtig bei gemeinsamen Aktionen.

Leider sehe ich in der heutigen Zeit nur noch Sportkinderwagen, in denen die Babys oder Kleinkinder mit dem Rücken zu den Eltern geschoben werden. Das Kleinkind in diesem Alter, sieht alles das erste Mal. Wahrnehmung verändert sich fast täglich. Können Sie sich vorstellen, wie aufregend es ist, das erste Mal einen Hund, eine Katze, ein Pferd oder andere Tiere zu sehen, heftigen Wind im Gesicht zu spüren oder das Rauschen eines Zuges wahrzunehmen. Dies sind alles Dinge, die das Kind irritieren und die es erst einmal verarbeiten muss. Es braucht dazu unseren Blickkontakt als Zeichen der Bestätigung. Kommt z.B. ein großer Hund auf den Kinderwagen zugelaufen, sehen Sie nicht welche Gefühle bei Ihrem Baby ausgelöst werden. Es wird bei Unwohlsein Ihren Blick sofort suchen und ihn nicht finden. Das heißt Sie können sein Verhalten nicht spiegeln und das irritiert Ihr Kind und Ängste können sich aufbauen, da die Situation durch ein Lächeln der Eltern nicht als sicher abgespeichert werden kann.

Leider produzieren die Hersteller kaum noch Kinderwagen, in denen das Kind mit Blickkontakt zu den Eltern sitzen kann. Kaufen Sie keinen anderen Wagen, gehen Sie auf die Suche und fordern Sie. Kein Hersteller will das Beste für Ihr Kind, bleiben Sie immer beim Kauf kritisch und hinterfragen Sie.

Bindungsaufbau wechselt zwischen engen Phasen, ich nenne Sie Mama- oder Papa Tankphasen, und Phasen, in denen die sichere Bindung aufgetankt ist und dadurch das Baby neugierig ohne ständigen Zuspruch der Eltern seine Welt entdecken kann.

In meinen PEKiP-Kursen kann man diesen Wechsel zwischen intensiven Tankphasen und Entdeckungsphasen sehr gut beobachten. Hat das Baby gerade eine Mama Tankphase ist der Radius um die Mutter sehr eng gesteckt. Das Baby bewegt sich kaum von der Mutter weg, während es in der sicheren Phase sofort den ganzen Raum erobert und nur eine paar entfernte Rückblicke zur Mutter genügen, um wieder sicher weiter zu krabbeln.

Sind die Babys noch kleiner, zeigt sich die Mama Tankphase mit Verhaltensmustern wie z.B., dass das Baby nur getragen werden will. Ein selbständiges Ablegen auf dem Boden wird sofort mit Protest beantwortet. Auch in der Nacht wachen die Babys in der Tankphase öfters auf, um zu überprüfen, ob Mama und Papa noch da sind und alles in Ordnung ist. Hier kann man das Auftanken von Nähe, Liebe, Streicheleinheiten ganz wörtlich nehmen.

Kein Baby weint, um uns zu ärgern. Ein Baby schreit nicht, weil es keine Lust hat. Es weint und schreit, um uns ein Bedürfnis mitzuteilen und uns zu sagen, welche Hilfe es jetzt von uns erfahren möchte.

Bleiben Sie geduldig, jede schlechte, anstrengende Phase mündet in eine entspannte Phase. Holen Sie in der entspannten Phase selbst Luft, tanken Sie Energie, damit Sie den Wechsel gestärkt angehen können.

Viel Geduld wünscht Ihnen Erika!