Der Diätenwahn!

„Ich bin zu dick!“ ein Standardsatz, der die Zeit mit einem Pubertierenden oft begleitet. Die Kinder, die auf ihre Figur achten, werden leider immer jünger. Diesen Satz kann man heute schon am Ende der vierten Klasse von einigen Kindern hören. Sätze, wie  „Du bist aber dick!“ – „Du hast ja so einen dicken Hintern!“ werden gegenseitig ausgesprochen und dadurch finden die ersten Verunsicherungen und Verletzungen statt.

Es ist erschreckend, dass die Anzahl der essgestörten Mädchen und Jungen ständig noch oben steigt.

Mit 11 Jahren liegen die Zahlen der Kinder mit Essstörungen bei Jungen und Mädchen gleich auf. Mit 16 Jahren sind die Werte bei den Mädchen am höchsten, während der Anteil der betroffenen Jungen nach unten geht. Laut ersten Ergebnissen aus dem Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KigGGS) des Robert Koch Instituts ist fast jedes dritte Mädchen mit 16 Jahren essgestört.

Was läuft denn da schief in unserer Erziehung?

Wie im letzten Bericht erwähnt, ist die Zeit der Pubertät auch die Zeit einer Neufindung des eigenen Körpers.

Leider beeinflussen die Medien unsere Kinder bereits sehr früh. Sendungen mit Top Models und andere zeigen immer wieder sehr schlanke Frauen, die zum Ideal erkoren werden.

Die Durchschnittsgröße der Frauen in Deutschland beträgt Konfektionsgröße 42 und 44  und ist weit entfernt von der Figur eines Models.

Die meiste Werbung gaukelt uns jedoch vor, dass nur schlanke Menschen glücklich und erfolgreich sind und geliebt werden können. Dass dies nicht stimmt, wissen wir Erwachsenen, aber Jugendliche in ihrer Ich-Findung sind auf der Suche und leicht beeinflussbar. Zur Selbstfindung gehört jedoch, dass ich auch ein gutes Körpergefühl entwickel. Im letzten Bericht habe ich bereits erwähnt, wie wichtig hier der Sport ist.

Wie verhalte ich mich jetzt als Eltern, wenn meine Tochter oder mein Sohn mir erklären, dass sie abnehmen wollen?

Wir kennen das alle. Sagt man zu einer Freundin ich will ein bisschen abnehmen, kommt sogleich die Antwort: „Du musst doch nicht abnehmen, du siehst doch toll aus!“. Wie fühlen wir uns, wenn wir diese Antwort erhalten? Ich fühle mich dann, nicht ernst genommen.

Fragt man andere Frauen, die für einen selbst eine Traumfigur haben, merken wir sehr schnell, dass auch sie unzufrieden mit ihrem Körper sind. Vielleicht sind die Hüften zu breit, der Busen zu klein oder die Oberschenkel zu dick.

Es ist wahnsinnig, wie wenige sich einfach toll finden.

Kinder, die uns offen mitteilen welche Sätze wie z.B: „Du bist aber dick!“ im Umlauf sind, machen es den Eltern leichter. Durch diese Ehrlichkeit können Eltern reagieren und das ist ganz wichtig.

Hier ist es wichtig ehrlich zu sein. Einfach nur zu antworten „Ich finde dich aber toll, wie du aussiehst“ reicht hier nicht. Die Meinung der Anderen wird in diesem Alter immer wichtiger und jeder Pubertierende will gefallen und in der Gruppe aufgenommen sein.

Sprechen Sie ehrlich aus, dass auch Sie selbst immer wieder an ihrem eigenen Körpergefühl arbeiten, dass Sie an Ihrer Selbstliebe arbeiten. Sprechen Sie aus, dass es immer Phasen gibt, wo man glaubt, dass allein die Figur entscheidend ist. Teilen Sie mit, was Sie an ihrem Körper mögen. Fragen Sie Ihr Kind, was es selbst an seinem Körper mag. Erzählen Sie, dass es eine tägliche Herausforderung sein kann sich selbst zu lieben und überlegen Sie, wie man liebevoll mit sich selbst umgeht. Überlegen Sie, was das einzigartige an Ihrem Kind ist und teilen Sie ihm mit, dass Sie stolz für seine Offenheit sind.

Diese ehrlichen Gespräche können dem Jugendlichen Orientierung geben in dieser schwierigen Zeit, in der sie von so vielen Normvorstellungen beeinflusst werden.

Ich kann mich gut an die Aussagen meiner Tochter erinnern, die während der Pubertät immer wieder mitgeteilt hatte, dass sie ihre Sommersprossen hasst und diese, wenn sie erwachsen ist, sofort weglasern lasse. Heute als erwachsene Frau liebt sie ihre Sommersprossen und sagt selbst, dass sie ein Teil von ihr sind, dass diese Sommersprossen etwas Besonderes sind und sie nicht verstehen kann, dass sie solche Aussagen getroffen hatte.

Veränderungen brauchen Zeit und Eltern, die mich ernst nehmen und liebevoll begleiten.

„Ich will abnehmen!“, war auch bei meinen Mädels ein Standardsatz. Ich habe sie ernst genommen und nachgefragt, wie sie sich jetzt ernähren wollen. Ich habe gefragt, wie ich ihnen helfen kann bzw. was ich am Familienessen umstellen soll. Ich bot an, mehr Gemüse zu kochen, anstatt Nudeln, Zucchininudeln und abends immer einen frischen Salat zuzubereiten. Obst kaufte ich ebenfalls in Unmengen ein. Die Umstellung hielt genau zwei Wochen, dann fand meine Tochter wieder in das normale Essen zurück.

Wichtig ist, dass ich sie ernst genommen und mit ihr einen Rahmen geschaffen habe, in dem sie ihren Wunsch umsetzen konnte.

Verbiete ich jegliche Diät, gehen die Kinder in die Heimlichkeit. In dieser Heimlichkeit bekomme ich als Eltern nichts mehr mit. Ich weiß nicht, ob das Pausenbrot im Papierkorb landet oder verschenkt wird. Ich weiß nicht, ob mein Kind nach dem Essen den Finger in den Hals steckt.

Bleiben Sie an Ihrem Kind dran, lassen Sie es nicht in diese Heimlichkeit abrutschen.

Sollte sich Ihr Kind zurückziehen, gehen sie behutsam mit diesen Zeichen um. Beobachten Sie und reagieren Sie. Beratungsstellen für Eltern und Kinder gibt es bundesweit. Nehmen Sie Hilfe an und packen Sie es an. Es lohnt sich für Ihr Kind.