Mein Kind zieht sich an allen Gegenständen hoch und stürzt dabei ganz oft. Kann ich mein Kind schützen?

Alles will gelernt sein. Das Kind übt jede Bewegung so lange, bis sie automatisiert ist, d.h. bis der Körper alle wichtigen Informationen abgespeichert hat, die er braucht, um diese Bewegung ohne Anstrengung und sicher auszuführen.

Zu den Bewegungen des Krabbelns, Sitzens und Stehens gehören auch die Bewegungen des sicheren Umfallens und Fallens.

Propriozeption nennen Neurologen die Wahrnehmung der Eigenempfindlichkeit. Diese so wichtige Propriozeption erlangen Säuglinge durch eigene Halte- und Stützreaktionen. Jedes Aufstützen, jedes Liegen, Bewegen und Halten, sendet über die Muskulatur Signale an die Hirnrinde. Diese Signale übermitteln die Berührung von Muskulatur und Haut, den Druck, die Dehnung, die Temperatur und Verletzungen jeder Art.

Damit das Gehirn später eine Handlung planen kann, ist es auf diese wichtigen Informationen über das Körpereigengefühl angewiesen. Soll mein Kind das sichere Fallen lernen, benötigt es diese Informationen. Auf diese Informationen wird der Körper ein Leben lang zurückgreifen.

Das Fallen, das natürlich mit kleinen Schmerzen und Verletzungen einhergeht, ist deshalb ein wichtiger Erfahrungswert.

Allgemein gilt das Umfallen aus Höhe der eigenen Körpergröße des Säuglings als Lernerfahrung.

Sollte das Kind natürlich heftig auf einen Steinboden fallen, von einer größeren Höhe, wie z.B. dem Wickeltisch oder eine Treppe stürzen, nach dem Fallen Einschlafen oder Erbrechen, muss das Kind zur Beobachtung sofort ins Krankenhaus.

Ein Kind, das mit dem Verdacht auf eine Gehirnerschütterung im Krankenhaus vorgestellt wird, muss auch über Nacht beobachtet werden. Denken Sie daran, gleich einen gepackten Koffer mitzunehmen.

Begleiten Sie Ihr Kind in dieser anstrengenden Phase des sicheren Hochziehens so viel wie möglich.  Eltern können nicht zu 100% dauerhaft aufmerksam sein. Ein Umfallen passiert so plötzlich, dass nicht immer eine sichere Hand helfend auffangen kann.

Kleine Stürze und Unfälle gehören leider zum Alltag dazu.

Zeigen Sie Ihrem Kind, wenn es sich hochgezogen hat, dass es zuerst das eine Bein beugt und dann das andere, damit es über den Kniestand wieder sicher auf den Boden gelangt.

Das Treppenstufen hochkrabbeln kann nur in Begleitung von einem Erwachsenen geübt werden.

Wichtig ist mir, dass das Kind die Möglichkeit erhält, das sichere Umfallen zu üben. Auf einem Untergrund wie Teppich oder Puzzlematten, lässt sich das Fallen besser üben, als auf einem Fliesenboden.

Schauen Sie nach den gefährlichsten Stellen in Ihrer Wohnung und versuchen Sie, diese kindgerecht zu entschärfen.

In den PEKiP-Kursen gebe ich immer den Tipp, sein Kind im Spiel genau zu beobachten. Dann erfahre ich sehr schnell, welche motorische Handlung gerade geübt wird. Wird gerade das Stehen geübt, baue ich möglichst viele passende Gegenstände im Wohnzimmer auf, an denen mein Kind dies durch Üben automatisieren kann. An einer vollen Kiste mit Wasserflaschen kann sich mein Kind wunderbar hochziehen. Auch eine Zweistufenleiter, ein alter Koffer oder der geliebte Couchtisch sind geeignete Objekte, um das Hoch- und Runterziehen zu üben.

Schützen Sie Ihr Kind nicht mit Kissen oder wie ich neulich in meinem Kurs gehört habe, mit einem Engelskostüm. Ein Kind darf nicht nur weich fallen, damit bringe ich es später in eine gefährliche Situation, da der Körper die Eigenwahrnehmung und das Üben des sicheren Fallens benötigt, damit er ein Leben lang von diesen Informationen profitieren kann.

Bei einem Kind, das sich selbstständig ins Sitzen gebracht hat, hat sich automatisch der sichere Abstützreflex entwickelt, der schwere Verletzungen beim Umfallen verhindert.

Schützen Sie Ihr Kind vor schweren Verletzungen, aber lassen Sie Ihr Kind in einem sicheren Rahmen eigene Fallerfahrungen machen.