Schläft dein Kind schon durch?

Diese Frage ist wahrscheinlich die am häufigsten gestellte Frage mit der junge Eltern konfrontiert werden. Sie lässt das Stressbarometer bei den meisten schlagartig ansteigen.

Für sämtliche Generationen scheint das Durchschlafen als Gradmesser für gute Erziehung und Eltern, die alles richtig machen, abgespeichert zu sein. Elternratgeber zum Thema Kinderschlaf gibt es in großer Zahl und dazu kommt, dass diese sich inhaltlich sowie qualitativ deutlich unterscheiden.

Ein Säugling, der neun Monate die Enge des Mutterleibs erfahren hat und in inniger Verbindung zu seiner Mutter gelebt hat, muss nun, da er auf der Welt ist, allein durchschlafen können?

Wie schrecklich ist dieser Gedanke!

Eigentlich erblickt ein Säugling, von seiner Reife her, viel zu früh das Licht der Welt. Um mit mehr Selbständigkeit diese Welt zu erobern, müsste er noch eine Weile im Mutterleib bleiben.

Anatomisch sind hier uns Frauen Grenzen gesetzt, d.h. der Säugling kommt noch sehr unreif auf diese Welt.

Gerade die ersten drei Monate sollten ruhig gestaltet werden, denn in dieser Zeit geht es um das Ankommen in dieser Welt und das Sichern des eigenen Überlebens. Der Säugling kann zu Beginn noch nicht zwischen Tag und Nacht unterscheiden und ist auf die Hilfe seiner Eltern angewiesen.

Der Stoffwechsel muss extrem viel leisten, da es außerhalb des Mutterleibes kalt ist. Die wohligen 36°C sind vorüber und der Körper benötigt einige Zeit, bis der Stoffwechsel auch Hände und Füße gut durchblutet. Mützen tragen, am Tag und in der Nacht, hat hier nach wie vor seine Berechtigung, da ein Drittel der Körperwärme über den Kopf verloren geht.

Das Saugen muss gelernt werden und vor allem der Magen und Darm bekommen jetzt einiges zu tun, Nahrung muss verdaut und ausgeschieden werden. All dies bedeutet eine große Umstellung für viele Organe.

Das Licht ist grell, die Augen müssen sehen lernen und grelles Neonlicht ist für alle Babys schrecklich. Die Ohren müssen hören lernen und unsere Welt kann ganz schrecklich laut sein und das Baby weiß noch nicht, wie es sich vor der Lautstärke schützen kann. Das Baby muss seinen Körper spüren lernen, um sich in seiner Haut wohlzufühlen. Das Baby muss seine Familie kennenlernen, sein Umfeld und vor allem muss es lernen, all diese neuen Eindrücke ohne Stress zu verarbeiten.

Schreien bedeutet nicht nur „ich habe Hunger“, oder „ich bin müde“, schreien bedeutet auch „mir ist alles zu viel“, „ich brauche eine Pause“.

All diese neuen Erfahrungen können nur verarbeitet werden, indem der Säugling nach wie vor die enge Verbundenheit und Sicherheit zu seinen Eltern erfahren kann. Seine Mutter kennt er, er weiß wie sie riecht, kennt ihre Stimme und die tröstenden Worte oder Lieder.

Die Eltern geben dem Säugling in dieser Zeit Sicherheit. Ein zu viel an Nähe ist kaum möglich, ein zu wenig dagegen schon.  Die enge Bindung zwischen Eltern und Kind wird immer stärker und in dieser Anfangszeit, müssen dem Baby all seine Bedürfnisse und Wünsche erfüllt werden

Eltern lassen das Baby nicht allein, sondern helfen ihm, sich immer mehr selbst zu regulieren, aber das braucht Zeit. Lesen Sie hierzu auch den Bericht über die Entwicklung von Babys von 0 –  3 Monaten, der Zeichen der Selbstregulation erklärt. Die Entwicklung des Babys: 0-3 Monate

Das Baby muss in dieser Zeit immer wieder das Einschlafen lernen. Das kann es nicht von Anfang an. Die Rituale des Einschlafens sind mit dem Muster des Wiedereinschlafens in der Nacht verknüpft.

Gerade in den ersten sechs Wochen schlafen Säuglinge noch sehr viel, da die ganzen Sinneswahrnehmungen auf Sparflamme fahren, um erst einmal das Überleben zu sichern.

Je mehr die Sinne eingeschaltet werden, umso mehr nimmt es alles Neue wahr und benötigt Hilfe von außen.

Begleiten Sie Ihr Baby geduldig mit Einschlafritualen. Geben Sie ihm so viel  und so wenig Hilfe wie nötig. Begleiten Sie es mit immer wiederkehrenden Ritualen, die ihm Sicherheit vermitteln.

Setzten Sie sich nicht unter Druck und machen Sie das Durchschlafen nicht zum Problem.

Bleiben Sie entspannt und erhöhen Sie Ihre Erwartungshaltung. Wenn Sie glauben, dass ihr Kind mit 15 Jahren durchschläft, können Sie sich eher von diesem Druck lösen.

Aus Sicht der Forschung hat man mittlerweile herausgefunden, dass eine Zunahme an komplexer Hirnleistung benötigt wird, um Schlaf zu generieren. Dieses Netzwerk unterliegt der Reifung des Gehirns und geschieht hauptsächlich in den ersten sechs Lebensmonaten.

Ab dem sechsten Lebensmonat fordert das Baby zum Weiterschlafen das Muster ein, das es zum Einschlafen gelernt hat. Babys, die sich selbst regulieren können, schlafen in diesem Alter bereits allein ein und können sich nach ihrem nächtlichen Aufwachen auch wieder selbst in den Schlaf regulieren.

Wird es zum Schlafen gestillt, will es immer gestillt werden, wenn es aufwacht. Deshalb ist es wichtig, sich das Muster des Einschlafens ab dem sechsten Monat genau anzuschauen und zu überlegen, ob dies für die Familie das Passende ist. Wichtig ist dabei Regelmäßigkeit. Das Baby und Kleinkind benötigt ein verlässliches und vorhersagbares Verhalten von Seiten der Eltern.

Muster können geändert werden und das Baby braucht Eltern, die es in der Zeit der Veränderung liebevoll begleiten.

Es gibt keine Regeln, wo ein Kind schlafen muss, es gibt nur ein passend für Eltern und Kind.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie den Mut haben, entspannt mit dem Schlaf Ihres Kindes umzugehen!