„Sprechen Sie lieber mit Ihrem Kind!“ Teil 2

Ein Plakat mit dieser Überschrift hängt auch in meiner Praxis. Auf dem Plakat ist eine Mutter zu sehen, die auf ihr Handy schaut, während sie ihren Kinderwagen schiebt. Ich bin froh, dass diese Plakataktion des Jugend- und Sozialamtes Frankfurt in Kooperation mit dem Netzwerk Frühe Hilfen, stadtweit Eltern auf dieses sensible Thema aufmerksam macht.

Das Handy ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Es gehört zum täglichen Gebrauch dazu und ist uns ständiger Begleiter geworden.

Wichtig ist, dass aber gerade junge Eltern den Einsatz ihres Handys kritisch hinterfragen.

Im ersten Teil habe ich bereits die Wichtigkeit des Blickkontaktes für die Bindungsentwicklung und damit die Grundsteinlegung für das spätere Selbstwertgefühl, Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen beschrieben.

In diesem Teil möchte ich auf die Bedeutung der Sprache hinweisen.

Friedrich II. machte zur damaligen Zeit ein schreckliches Sprachexperiment. Er verbat den Säuglingsschwestern in einem Heim mit den Babys zu sprechen und Zuneigung zu zeigen, um die Ursprache des Menschen festzustellen. Das furchtbare Ergebnis war, dass alle Kinder starben, aufgrund von Ansprache und Liebe, sowie vieler fehlender sensorischer und neuromotorischer Reize.

Sprechen ist nicht nur Sprache. Bei der Sprache geht es ebenso um Bindungsaufbau durch Ansprache, Zustimmung, Spiegelung, Stimulation, Anerkennung, Regelnlernen usw.

Setzt man ein Baby vor den Fernseher, der übrigens eine magische Anziehungskraft ausübt, würde das Baby über das Fernsehen keine Sprache erlernen.

Das Baby benötigt ein Gegenüber. Es muss hören, wo dieser gesprochene Laut herauskommt, es muss sehen, wie die Lippen und die Zunge bewegt werden, um selbst diesen Laut zu formen und zu bilden.

Sprechen lernen ist auch sehen, fühlen, verstehen, endlos wiederholen und abspeichern bis das Wort gesprochen werden kann.

Sprechen lernen ist auch hören. Zum Glück wird heute nach der Geburt der so wichtige Hörscreening Test noch im Krankenhaus vom Arzt durchgeführt, um eine Hörstörung auszuschließen.

Die auditive Wahrnehmungsentwicklung ist erst mit dem dritten Lebensjahr abgeschlossen. Das Kind benötigt immer ein konkretes Gegenüber, um die Sprache zu hören und zu sehen. Kinder unter drei Jahren sollten nicht vor dem Fernseher platziert werden. Die Stimmen aus dem Fernseher kommen nicht direkt vom Gegenüber, sondern aus seitlichen Lautsprechern oder Surround-Anlagen. Diese Worte kann das Kleinkind mit der Person im Fernsehen nicht gleichzeitig vernetzen.

Alles ist neu für Ihr Baby. Jeder Gegenstand, jede Blume, jedes Tier, alles muss das Baby kennen und beim Namen nennen lernen. Dafür benötigt es Eltern, die ihm alles mitteilen.

In meinen Elternseminaren betone ich immer wieder, dass nur zu 7 % das gesprochene Wort wahrgenommen wird. Jeder Mensch nimmt zu 93% sein Gegenüber auch über die Stimme, die Tonhöhe, die Tonlage, die Mimik, die Gestik und die Gefühlslage wahr.

Gerade das Baby, das erst spät der Sprache mächtig wird, benötigt all diese Zeichen im Vorfeld, um uns kennenzulernen, wahrzunehmen und reagieren zu können.

Das Baby wird Sie über Ihre Mimik, Stimme und Tonhöhe weit aus schneller verstehen und einschätzen lernen als über Ihre Worte.

Doch unsere Mimik und Gestik entwickelt sich nicht losgelöst von Sprache. Sie ist ein Teil davon.

Nur durch den engen Kontakt mit den Eltern oder anderen Bezugspersonen kann ein Baby diese lesen lernen.

Sprechen Sie mit Ihrem Kind, es muss mit den Worten auch den Menschen mit seinen Gefühlen lesen lernen. Helfen Sie Ihrem Baby dabei und sprechen Sie mit Ihrem Kind.

Das endlose Wiederholen von Reimen, Fingerspielen und Liedern bereitet jedem Baby Freude. Gerade die Wiederholung, das Wiedererkennen der Worte, der Zeichen, unserer Gestik und Mimik, bereiten dem Kind großen Spaß und erweitern auf wunderbare Art und Weise seinen Wortschatz.

Lassen Sie sich ein auf eine liebevolle Sprache, begleiten Sie den Alltag Ihres Babys mit Sprache und schaffen Sie Regeln, wann Sie Ihr Handy benutzen, z.B. wenn das Baby schläft oder bei einer anderen Person ist.