Vom Müssen, Können, Wollen, Dürfen und Sollen!

Immer wieder höre ich bei meinen Elterngesprächen Sätze von Eltern, die schildern, dass das Kind etwas nicht macht, obwohl es dies schon kann.

Hier ein paar Beispiele:

  • Das Kind zieht sich nicht allein an, obwohl es dies schon kann.
  • Das Kind schmiert sich nicht sein Brot, obwohl es dies die letzte Zeit so gut konnte.
  • Das Kind will auf einmal getragen werden, obwohl es doch laufen kann.
  • Das Kind will nach mehrmaligem Wecken nicht aufstehen und zur Schule gehen, obwohl es bisher immer gehört hat.
  • Das Kind will beim Turnen nicht mitmachen und lieber auf dem Schoß der Mutter sitzen, obwohl es doch immer so große Freude am Turnen hatte.
  • Das Kind will wieder gefüttert werden, obwohl es schon allein essen kann.

Als erstes ist es wichtig, das Alter des Kindes zu berücksichtigen.

Ich unterscheide stark zwischen folgenden Altersgruppen: 0-2 Jahre, 2-5 Jahre, 5-10 Jahre, 10-14 Jahre und 14-21 Jahre.     

Die Umbauprozesse im Gehirn sind mit 21 Jahren abgeschlossen. Erst ab diesem Alter können Eltern davon ausgehen, dass das Gesagte wie bei einem Erwachsenen ankommt.

Immer wieder vergessen Eltern, dass je kleiner das Kind ist, das Denken, Sprechen und Fühlen bei Kindern sich noch sehr von der Erwachsenenwelt unterscheidet.

Die ersten zwei Jahre benötigt das Kleinkind Zeit, um sich selbst zu entdecken, seine Bindung zu den Eltern aufzubauen und seine Entwicklung in großen Schüben voranzubringen.

Die nächsten Jahre bis zum sechsten Lebensjahr stehen unter der Überschrift „so viele Erfahrungen wie möglich sammeln“. Durch Ausprobieren, Entdecken, Untersuchen, Erforschen und Erkennen finden Lernprozesse statt, die auf Basis von Freude und Spaß umso intensiver abgespeichert werden können.

Auf dieses Gelernte kann das Kind ab dem sechsten Lebensjahr zurückgreifen und neu erworbenes Wissen, das jetzt zu einem großen Teil in der Schule stattfindet, mit seinen Erfahrungen abgleichen und verknüpfen.

Bis zum zehnten Lebensjahr muss die Basis der Erziehung gelegt sein, da sich das Kind nun immer mehr von den Eltern abwendet und sich an der Gruppe orientiert.

Zwischen 14 und 21 Jahren geht es um entscheidende Lebensfragen des Kindes, wie z.B.: Wer bin ich? Wie finde ich mich selbst? Was will ich mit meinem Leben anfangen? Was macht mich glücklich? Wofür stehe ich? Was sind meine Interessen und Ziele?

Spätestens ab diesem Alter sollte das Kind eigenverantwortlich handeln und für sich und sein Leben Verantwortung übernehmen.

Sagt ein Dreijähriger, dass er sich heute nicht allein anziehen kann, so dürfen Eltern ihrem Kind mit einem guten Gewissen helfen.

Um Kinder zu verstehen, versuche ich mich immer in die Position des Kindes hineinzuversetzen.

Wollen wir nicht auch manchmal bemuttert, bedient oder verhätschelt werden. Nur weil ich kochen und spülen kann, möchte ich dies doch nicht täglich tun? Nur weil ich staubsaugen kann, möchte ich auch dies nicht immer tun. Ich freue mich doch auch, wenn mein Partner oder ein Kind diese Aufgabe übernimmt.

Das Kind hat immer das Recht, seinen Eltern mitzuteilen, wenn es heute etwas verwöhnt werden will und mal wieder mehr Hilfe benötigt.

Bleiben Sie entspannt und genießen Sie diese Zeit. Die Zeit der Selbstständigkeit kommt bei einem sicher gebundenen Kind von ganz allein.

Ein Kind schreit förmlich nach seiner Autonomie, kein Kind will kleingehalten werden, sondern in seine Selbstständigkeit kommen. Vertrauen Sie Ihrem Kind und unterstützen sie das, was ihm gerade große Freude bereitet. Sehen Sie das, was positiv läuft und halten Sie sich nicht mit negativen Mustern auf.

Kein Mensch hat täglich das gleiche Selbstvertrauen. Gerade in Phasen eines Entwicklungsschubes benötigt das Kind wieder mehr Bindung zu seinen Bezugspersonen. Bindung bedeutet Kraft, Energie und vor allem das Tanken von Sicherheit, damit der nächste Entwicklungsschritt gemeistert werden kann.

Ein Fünfzehnjähriger lässt sich nicht mehr füttern und anziehen, das kann ich Ihnen versichern.

Allerdings sind Eltern von Pubertierenden nicht mehr dafür zuständig, dass ihr Kind rechtzeitig zur Schule kommt. Nach einem einmaligen Wecken ist das Kind danach eigenverantwortlich für seine Pünktlichkeit zuständig. In diesem Alter müssen sich Eltern langsam von der Kontrolle verabschieden und ihre Kinder mehr selbstständige Erfahrungen machen lassen, auch wenn diese negativ besetzt sind.

Möchte das Kind unter sechs Jahren einmal beim Turnen lieber auf dem Schoß der Mutter sitzen, so darf man diesem Wunsch entspannt entsprechen. Kinder zeigen immer über ihr Verhalten, wie sie sich fühlen. Vielleicht waren die letzten Tage sehr stressig und die Mutter hatte wenig Zeit für ihr Kind, sodass es jetzt diese Gelegenheit nutzt, Streicheleinheiten nachzuholen. Natürlich darf die Mutter das Gefühl, das dahinter steckt, auch benennen und dem Kind eine anschließende Streicheleinheit zu Hause anbieten.

Sie können sehen, dass es keine eindeutigen Antworten auf die obigen Fragen gibt. Ich beobachte, dass Kinder mit Druck Dinge erledigen müssen, nur weil sie es können. Nehmen Sie den Druck aus der Familie heraus, gestalten Sie die Zeit miteinander mit viel Freude, Spaß und nehmen Sie sich Zeit füreinander.

Viel Glück!