„Wer hat Schuld?“ – Wenn Geschwister sich streiten…

In vielen Elterngesprächen höre ich sehr oft, dass Eltern nach einem Geschwisterstreit herausfinden wollen, wer schuld an dem Streit hatte. Eltern sind sehr überrascht, wenn ich ihnen dann antworte, dass die Schuldfrage gar keine große Bedeutung hat. Wichtig bei jedem Streit unter Geschwistern ist vielmehr, herauszufinden, warum sich gestritten wurde, um im Anschluss daran gemeinsam mit den Kindern eine Lösung für die Zukunft zu erarbeiten.

Das Schlüsselwort heißt hier: lösungsorientierter Ansatz.

Kinder streiten – Geschwister streiten – Erwachsene streiten: Streit gehört zu unserer Kultur dazu. Damit wir uns als Erwachsene nicht mehr gegenseitig schubsen, an den Haaren ziehen, petzen oder hauen, müssen wir in der Kindheit eine Streitkultur mit einer verbalen Auseinandersetzung erlernen. Lernen bedeutet üben und wiederholen, d.h. erkläre ich meinem Kind einmal, den Streit durch Worte zu lösen, heißt das nicht, dass dies mein Kind am nächsten Tag selbstständig umsetzen kann.

Nach jedem Streit muss die Frage an die Kinder gerichtet werden: „Wie hättet ihr diesen Streit mit Worten lösen können?“

Nehmen wir hierfür folgende Beispielsituation: Theo spielt mit seinem tollen Feuerwehrauto. Luka sieht das wunderschöne Auto und möchte natürlich auch damit spielen. Er geht zu Theo und nimmt es ihm ab. Daraufhin haut Theo nach Luka und nimmt ihm das Auto wieder ab. Luka fängt an zu weinen.

Dies ist eine ganz normale Situation, die Eltern hundertmal erleben. Konnte ich die Situation nicht beobachten, würde ich denken, Theo hat gehauen, da Luka weint, also ist Theo schuld. Das Gute ist, dass Kinder unter sechs Jahren uns immer die Wahrheit sagen. Deshalb sollten Eltern die zu einer Situation kommen, die sich nicht beobachten konnten, immer nur das schildern, was sie sehen. In diesem Fall: „Luka weint und Theo steht daneben und hat sein Feuerwehrauto in der Hand.“ Nach dieser Bestandsaufnahme sprudelt es meist schon aus den Kindern heraus und sie erzählen, was passiert ist.

Tröste ich jetzt Luka oder sage ich ihm: „Du bist schuld, weil du das Auto von Theo wolltest“? Sage ich zu Theo: „Entschuldige dich bei Luka, weil du ihn gehauen hast“? Natürlich dürfen sich die Kinder gegenseitig entschuldigen, aber Entschuldigung ist eine Haltung, die ich verstehen muss, und kein Wort, das ich ausspreche. Helfe ich den Kindern, wenn ich mich auf diese zwei Fragen nach einem Streit konzentriere?

Nein, denn so helfe ich ihnen nicht zu lernen, wie sie in Zukunft mit derselben Situation umgehen können, da ich ihnen keine Lösungen aufzeige. Wichtiger wäre Verständnis für die Kinder zu haben und ihnen Hilfe anzubieten.

Ich nehme Luka tröstend in den Arm und sage ihm: „Theo hat ein tolles Feuerwehrauto, Luka ich verstehe dich, dass du damit spielen möchtest. Was kannst du Theo fragen, damit du auch einmal mit dem Auto spielen kannst? Ja richtig, du musst den Theo fragen: ‚Darf ich das Auto haben?‘.“ Im Anschluss kommt der nächste Schritt: „Was machst du, wenn Theo ‚Nein‘ sagt?“ Jetzt geht es um Verhandlungen und Kompromisse. Man erklärt dem Kind nun in einfachen Worten, was ihm für Möglichkeiten offenstehen. Zum Beispiel: „Frage Theo, ob du in fünf Minuten sein Auto bekommst.“

Jetzt benötigt auch Theo Hilfe, da er sofort gehauen hat. Möglicherweise so: „Ich verstehe, dass du sauer warst, als Luka dir das Auto weggenommen hat. Das Hauen hat Luka aber wehgetan. Was hättest du ihm sagen können?“ „Ja, du darfst ruhig laut rufen: ‚Das ist mein Auto, gib mir das wieder!‘, weil du ja sauer bist!“

Dieses Beispiel zeigt, wie die Kinder nicht allein gelassen werden.

Es geht nicht darum die Kinder nach einem Streit zu bestrafen oder sofort Konsequenzen auszusprechen, sondern immer wieder Lösungen zu finden, wie der Streit mit Worten beendet werden kann.

Natürlich gibt es auch Spiele mit Körpereinsatz, die erlaubt und wichtig sind: Manchmal wollen Kinder raufen, kämpfen und körperlich bis an ihre Grenzen gehen. Hier gilt dasselbe: Auch für jeden Kampf gibt es Regeln, die eingehalten werden sollten, und ein Zauberwort, das ausgesprochen werden kann, wenn ein Partner aussteigen möchte. Überschreiten Kinder hierbei die Grenzen anderer, muss der Konflikt ebenfalls mit Worten gelöst werden.

Geduld und langes Üben!