Wie spreche ich mit meinem Kind? Teil 1

Häufig beobachte ich im Alltag Eltern, denen es leider nicht gelingt, eine ehrliche Sprechweise im Umgang mit ihrem Kind zu pflegen.

Unter einer „ehrlichen“ Sprechweise verstehe ich, dass auf der Basis der gegenseitigen Achtsamkeit gesprochen wird, dass ein respektvoller Umgang herrscht und die Gefühle des gegenüber ernst genommen werden.

Doch im Übermaß höre ich Erklärungen, Vorhaltungen, Vorwürfe, Beschimpfungen und vor allem Fragen, die uns in keiner Weise weiterbringen. Dabei ist es so wichtig, dass Eltern mit ihrem Kind ehrlich sprechen und sich klar ausdrücken.

Das Thema ist so umfangreich, dass ich mich entschieden habe, es in verschiedene Abschnitte zu teilen. Der Bericht mit dem Titel „Mit Konsequenzen erziehen!“ ist bereits unter der Rubrik „Kleinkinder“ zu finden.

 

Warum-Fragen bringen Eltern nicht weiter

Warum-Fragen gehören zu den Lieblingsfragen vieler Eltern.

Beispiel:

Mein Kind (3 Jahre) nimmt einem anderen Kind im Sandkasten die Schippe ab. Dieses reagiert, indem es mein Kind haut. Die meisten Eltern, die jetzt hektisch zu den Kindern laufen, stellen als erstes die beliebte Warum-Frage: Warum hast du ihn gehauen? Eine Antwort auf diese Warum-Fragen hängt stark vom Alter des Kindes ab. Kinder unter 6 Jahren sind für Warum-Fragen ungeeignet. Dies hat mit der kindlichen Entwicklung zu tun. „Warum“ setzt ein überlegtes, geplantes Handeln voraus. Aber glauben Sie mir, der 3-jährige Junge hat nicht überlegt. Der eine sah die tolle Schaufel des anderen und dachte nur: „Die ist toll, die will ich haben.“ Der andere Junge spürte nur, dass er wütend wird, weil er seine Schaufel wiederhaben will und haute daraufhin das Kind.

Kinder sind in diesem Alter gefühlsgesteuert. Die Gehirnstrukturen sind einfach. Hohe Vernetzungen bilden sich erst noch, d.h. komplizierte Denkmuster werden erst aufgebaut. Das Kind handelt spontan, prompt und von seinem Gefühl geleitet. Es denkt nicht, welche taktischen Möglichkeiten hätte ich jetzt, meine Schaufel wiederzuerlangen: Soll ich ihn anschreien, ihn schubsen, ihm Sand auf den Kopf werfen, meine Mutter rufen, oder ähnliches.

Optimal wäre es gewesen, wenn das Kind seine Schaufel wieder angefordert hätte. Das ist auch die Verhaltensweise, die wir als Eltern den Kindern immer wieder mitteilen, vorspielen, sie ihnen vor Augen halten.

Es gibt viele Situationen, in den das Kind der Sprache mächtiger ist, und diese bewusst einsetzen kann. Aber nicht jede Situation wird in dem Alter schon sprachlich gelöst und nicht jede Situation vorher didaktisch aufbereitet. Gerade gefühlsmäßig gesteuerte Verhaltensweisen wie z.B. hauen, kratzen, beißen, schubsen usw. gehören zum Repertoire eines 2-Jährigen und älteren Kindes.

Die Entwicklung der Sprache verläuft bei jedem Kind individuell.

Manche Kinder sind schon mit 3 Jahren in der Lage, sich verbal auszudrücken. Andere Kinder schaffen dies gerade im 4. Lebensjahr.

Sich sprachlich auszudrücken ist die Voraussetzung, Konflikte auch verbal zu lösen. Wir können nicht von unserem Kind erwarten, dass es bei jedem Konflikt hierzu im Stande ist. Wichtig ist jedoch, dass wir Vorbild sind und dem Kind nach dem Konflikt den richtigen Weg aufzeigen.

Deshalb sparen Sie sich die blöde Warum-Frage. Ihr Kind hat spontan gehandelt und nicht lange überlegt. Kinder sind schlau und merken sehr schnell, dass ihre Eltern auf diese Warum-Fragen auch eine Antwort wollen. Viele denken sich dann Antworten aus, weil sie erfahren, dass ihre Eltern dann zufrieden sind. Daraus begründet sich auch die komische Antwort „darum“.

Doch jetzt stellt sich natürlich die Frage, was sage ich stattdessen?

Gab es einen Konflikt zwischen den Kindern, den ich nicht beobachtet habe, so komme ich in die Situation und schildere erst einmal nur das, was ich gerade sehe und wahrnehme.

Beispiel: Sie gehen zu Tom, trösten ihn und sagen: „Du liegst ja im Sand und weinst und hast die Schaufel von Tim in der Hand.“

Nach diesem Satz werden die Kinder anfangen zu sprechen. Sie werden das Geschehene nicht für sich behalten. Kinder wollen erzählen und mitteilen. Kinder haben in diesem Alter noch keine innere Stimme. Sie erzählen, was sie denken und sprechen es sofort aus. Dadurch erfahren Eltern, was passiert ist, können trösten, die Kinder auffordern sich zu entschuldigen und mitteilen, wie sie den Konflikt hätten lösen können.